Augsburger Zeitung, 29.11.2003  
Das Leben schwarz auf weiß
Nicht nur die Prominenz lässt sich von professionellen Helfern Memoiren schreiben
Von Ronald Hinzpeter
 
    Boris Becker hat’s getan, Stefan Effenberg auch. Sogar ein gewisser Daniel Küblböck und die Frau von Harald Juhnke, Dieter Bohlen gleich zweimal, Udo Lindenberg und Nena werden es tun. Wer es noch alles nicht Iassen kann, wird sich sicherlich in Kürze zeigen. Das Privatleben der höheren und niederen Prominenten Deutsehlands ist für eine nach Klatsch und Tratsch lechzende Öffentlichkeit schon längst kein Buch mit sieben Siegeln mehr. Die letzten Geheimnisse geben die Stars, Sternchen und Sternschnuppen preis, indem sie ihre Memoiren in stolzen Auflagen drucken lassen.

 
 

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Bücher mit Titeln wie „Eine, die der Esel im Galopp verlor" oder „Das Leben nehmen wie es kommt" werden nie in einem Laden stehen, obwohl sie vor Leben strotzen. Die Menschen, deren Erinnerungen hier zwischen aufwändig gebundene Deckel gepackt sind, würden dafür wohl auch nie ihre Einwilligung geben. Sie sind nicht prominent, sie wollen es auch nicht mehr werden. Mit den Schönen, Erfolgreichen und mehr oder minder Bedeutenden verbindet sie nur eines: Sie haben ihr Leben zu Papier gebracht und ihm damit mehr Dauer verliehen. Genauer gesagt haben sie es wie die Promis gemacht und sich die Bücher schreiben lassen.

Mittlerweile ist es nicht mehr sonderlich schwer, dafür Helfer zu finden. In einigen deutschen Städten bieten professionelle Lebensschreiber ihre Dienste an. Ellen Schönfelder, Irina Ploch Harabacz und Louis Lau jedoch bleiben lieber in einer Gegend, wo der Föhn gelegentlich die Alpen an den Vorgarten heranrückt und der Himmel einfach weißblauer leuchtet als anderswo. Am Dorfrand von Polling bei Weilheim haben sie ihre Memoirenwerkstatt „Mein Leben" eingerichtet.

Der Soziologe Lau lernte seine beiden Geschäftspartnerinnen in der Münchner Staatsbibliothek kennen, wo die Literaturwissenschaftlerinnen Material sammelten. Jetzt studieren sie nicht mehr Bücher, sondern das richtige Leben. .

Ihr Polfinger „Erinnerungsraum" ist allerdings nicht der Platz für Kunden vom Schlage Bohlen/Becker. „Solche Promis wollen wir nicht", sagt Louis Lau, „das ist ein Boom, der wieder abebbt. Die Neugier an ihrem Leben wird verpuffen. Doch das Interesse am Leben der älteren Generation, jenes der Enkel an den Großeltern, wird stärker werden. Das ist das Interesse an den normalen, gewöhnlichen Lebensgeschichten." Solche bekommen die Jungen heute nur noch selten zu hören. Früher, als drei Generationen unter einem Dach lebten, ersetzten die Geschichten von Oma und Opa den Fernseher. Jetzt aber, wo jeder seiner Wege geht, fehlt diese gelebte Geschichte. „Ausgerechnet das Kommunikationszeitalter hat das Erzählen verlernt", klagt die Neue Züricher Zeitung, „den alten Menschen kommen die Zuhörer für ihre Erinnerungen abhanden und damit auch die Hoffnung, im Gedächtnis der nächsten Generation weiterzuleben."

Doch die Jungen wollen durchaus von „damals" hören und dabei etwas über die eigene Familie erfahren. Die Drei von der Memoirenwerkstatt haben die Erfahrung gemacht, dass überwiegend die Enkel darauf drängen, Großvater oder Großmutter sollten ihre Geschichte zu Papier bringen lassen. Haben die sich erst mal durchgerungen und die übliche Hemmschwelle „Mein Leben ist doch gar nicht interessant" übersprungen, machen sie eine ungewohnte Erfahrung: „Alte Menschen kennen das gar nicht mehr, dass ihnen jemand zuhört und das tagelang“, sagt Ellen Schönfelder. Wenn sie oder ihre beiden Kollegen sich ein Leben „anvertrauen lassen", wie sie es nennen, lauschen sie, machen sich Notizen und nehmen alles auf Band auf.

Dabei stoßen die Berichte immer wieder an Grenzen, denn im Leben eines jeden Menschen gibt es dunkle Punkte, die nicht unbedingt beleuchtet werden wollen. Meist finden sie sich zwischen den Jahren 1933 bis 1945, in denen so viele mit dem großen Strom geschwommen sind. Nun ist das Feingefühl des Biografen gefragt. Er schreibt schließlich nicht für Historiker oder die Allgemeinheit und braucht deshalb nicht in alten Wunden zu bohren. Schönfelder stellt klar: „Wir sind nicht die Richter, wir sagen nicht, was richtig und falsch ist. Wenn uns jemand sein Leben anvertraut, ist das etwas, dem wir mit Wertschätzung begegnen."

Dennoch haben viele Kunden Zweifel, wenn sie das fertige Manuskript in Händen halten. Plötzlich keimen Fragen: Ist das jetzt
mein Leben? Habe ich wirklich alles richtig erzählt? Was als Erinnerung manchmal nur ein unbestimmtes Gefühl ist, steht nun druckschwarz auf weißem Papier. Manchen drängt es, einzelne Begebenheiten erneut und vermeintlich genauer darzustellen. Für den Schreiber heißt das nochmal und nochmal Woche um Woche, am Text zu feilen, bis der Kunde sich auf jeder Druckseite wiedererkennt.

Das hat seinen Preis. Rund 55 Euro verlangen die Biografen pro Seite. Die gesamte Produktion des Lebenswerkes in Kleinauflagen von zehn bis 50 Stück summiert sich je nach Extrawünschen auf gut 15000 Euro.

15 Kunden war es bisher das Geld wert, um für Familie, Freunde oder Mitarbeiter ein Buch schreiben zu lassen und so den eigenen Erlebnissen über den Tod hinaus Dauer zu verleihen. Der römische Dichter Martial hat dazu schon vor knapp 2000 Jahren das Entscheidende geschrieben: „Zweimal lebt, wer in der Erinnerung lebt."