KulturSPIEGEL, November 2003  

Was vom Leben übrigbleibt
Wer prominent ist veröffentlicht seine Biografie. Wer nicht prominent ist, auch

 
    Am Anfang werden die Pflöcke in die Erde getrieben, an denen dann das Leben festgezurrt werden soll wie ein Zelt: Kindheit, Karriere, Familie. Dazu sind vier Tage Zeit, in einem leeren Raum, mit zwei Sesseln, die sich einander gegenüberstehen, einem Aufnahmegerät, einem Zuhörer und der Aufforderung, sich zu erinnern: „Wie war das damals nun genau?“

Der Raum für Erinnerungen von Louis Lau, 55, Ellen Schönfelder, 52, und Irina Ploch Harabacz, 52, befindet sich in einem bayerischen Landhaus, am Dorfausgang von Polling, in der Nähe des Starnberger Sees. Hier ist der Himmel gesäumt von schneebedeckten Alpen, das Licht ist klar, der Blick wird weit.

 
 

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An der Pinnwand im Erinnerungsraum hängt ein Spruch, er ist Trost der Biografen, und er ist Ansporn: „Jede Familie hat ihre Leichen im Keller.“ Vor zweieinhalb Jahren gründeten Lau, Sehönfelder und Ploch Harabacz „Mein Leben", einen Verlag für Memoiren nach Maß für Privatmenschen. Es war die Zeit, als der Boom der Prominenten Antobiografien begann: Showstars wie Dieter Bohlen („Nichts als die Wahrheit“), Manfred Krug („Mein schönes Leben“) und Daniel Küblböck („Ich lebe meine Töne“), Udo Lindenberg (Arbeitstitel: „Panikpräsident“, erscheint im Februar), Nena („Ich bin“, ist noch in Arbeit), Sportstars wie Boris Becker („Augenblick, verweile doch...“) und Stefan Effenberg („Ich hab's allen gezeigt“), Literaturstars wie Marcel Reich Ranicki („Mein Leben“) und Fritz J. Raddatz („Unruhestifter“) und Stars ohne Fachgebiet wie Nadja „Naddel“ Abd El Farrag („Ungelogen“) und Susanne Juhnke („In guten und in schlechten Tagen“) sie alle kennen nur ein Wort: ich. Ihre Bücher, finden die Pollinger Ghostwriter, dienen allein der Versicherung eigener Größe und Bedeutung, der Rache an Nebenbuhlern oder abgelegten Lieben.

Selten erzählen sie von gelebten Leben und sehr oft davon, wie man sich verkauft. Darum, sagen die Kleinverleger, müsste es ungleich nützlicher sein, wahre Leben jenseits von Voyeurismus und Intimitätsterror zu schildern und einer Generation eine Stimme zu geben, die nie gelernt hatte, ich zu sagen. Eine Generation, die es bald nicht mehr geben wird.

So kommt es, dass im Erinnerungsraum in Polling meist Menschen sitzen, die nicht mehr viel Zeit haben im Leben. Oft sind es die Kinder und Enkel, die sich wünschen, dass diese Leben voller Krieg, Not, Flucht, Neuanfänge festgehalten werden. Damit sie vererbt werden können als Lehrstoff, aber auch zur Erheiterung dank der vielen Anekdoten und Jugendsünden.

Oft treibt auch der Wunsch der Porträtierten selbst, zu etwas nütze gewesen zu sein, in den Erinnerungsraum in Polling. Meist spricht die Angst vor dem Verschwinden und dass alles umsonst gewesen sein mag, aus den Geschichten. Es scheint, dass sich manches Leben besser aushalten lässt, wenn man daraus am Ende etwas Versöhnliches macht. Etwas Handgefertigtes im Leder oder Leineneinband, als Geschenk an die Familie, mit Fotos oder ohne, in einer Kleinstauflage zwischen 10 und 100 Stück, 55 Euro pro Seite. Der Leidensdruck oder die Sehnsucht, so wichtig zu sein wie Prominente, muss groß sein: Ein 230 Seiten Buch kostet den Kunden inklusive Herstellungskosten zwischen 14 000 und 15 000 Euro. Wie die Ghostwriter der Prominenten kennen auch die Pollinger Lohnschreiber nur eine Wahrheit die der Auftraggeber. Trotzdem haben sie den Anspruch, glaubwürdig und lebenserfahren zu wirken. Einer, der sein Leben lang an der Hobelbank gestanden hat, finden sie, dürfe sich nicht anhören wie ein Pfarrer.

Die Idee zu „Mein Leben" kam Lau, Sozialwissenschaftler, Schönfelder und Ploch Harabacz, Literaturwissenschaftlerinnen, als sie Mitte der neunziger Jahre in der Bayerischen Staatsbibliothek an wissenschaftlichen Arbeiten saßen. Zur Ablenkung verabredeten sie Vorlese und Erzählabende, wie es sie früher am Kamin jeder Familie gab. Dabei überlegten sie dann, wie sie wohl die Lebensgeschichten ihrer Eltern aufbereiten würden. Wie sie versuchen würden, denen, die ihnen das Leben geschenkt hatten, das eigene Leben zurückzugeben als Buch.
Der Erste, der kam, war Ellen Schönfelders Vater. Im Pollinger Erinnerungsraum sprach er Louis Lau sein Leben aufs Band, zu Übungszwecken für den neu gegründeten Verlag. So halten sie es bis heute: Lau schreibt die Männer, seine Kolleginnen die Frauen.
Nach den ersten vier Tagen im Erzählzimmer, wenn die Pflöcke in die Erde getrieben sind, werden Heringe hinterhergebohrt. Die Menschenerzähler haken nach bei Krankheit, Krise, Wendepunkten. Warum war der Vater nie da, wie war
die erste Liebe, was war mit Fremdgehen, mit Abtreibung, Judenhass und Hitlerjugend? Nicht immer bekommen sie Antworten.
Weil sie aber nicht schreiben können, bevor die letzte Leerstelle ausgeräumt ist, fragen sie weiter, behutsam und beharrlich. Bis sie das Gefühl haben: Jetzt lebt dieser Mensch in mir, jetzt kann ich ihn schreiben. Dass sie später die meisten der dunklen Flecken wieder aus dem Manuskript streichen müssen, nehmen sie in Kauf.
Das Manuskript, einige hundert Seiten lang, fleddern die Lebenserzähler dann, streichen, deuten, bauen Spannungsbögen. Nie streng chronologisch, lieber mit Umwegen und Überraschungen. Vielleicht wird ihnen, denken manchmal die Menschenerzähler von Polling, das Leben in die Hände gelegt, damit sie Mottos finden und Gefühle in Leben hineinschreiben, wo selten welche waren. Der Kunde liest die Rohversion und entscheidet über Stil und Umfang der Memoiren. Da passiert es schon mal, dass eine Tochter die ersten Kapitel liest, stumm, und dann sagt, unter Tränen, ja, das stimmt so alles leider. Oder dass der erstgeborene Sohn eines Unternehmers mäkelt, weil er den gefälligen Ton einer Jubiläumsschrift erwartet hatte nicht die Lebensweisheiten seines Vaters, die alle auswendig kennen, in bayerischem Dialekt. Und dass sein Bruder, der Zweitgeborene, findet, alles sei wahrheitsgemäß denn er käme kaum vor. Oder es ist so, wie mit der alten, adeligen Dame, die die Lebensgeschichten jedes Einzelnen ihrer weit verzweigten Familie seit dem Dreißigjährigen Krieg erzählen wollte, bis sie merkte, dass dazu wohl ihr Geld nicht reicht.
Bisherige Bilanz in Polling: Noch boomt es nicht bei „Mein Leben", noch haben die Biografen zu wenig zu tun, um von den Leben Fremder leben zu können. Zehn Biografien haben sie bisher verdichtet, auf den Punkt gebracht und per Hand gebunden, drei weitere sind in Arbeit. Sie heißen etwa „Das Leben nehmen wie es kommt" oder „Hab' viel Glück gehabt im Leben", jedes Kapitel zeugt von bescheidenem Stolz und Demut und rührt auch fremde Leser.
Neulich erreichte die Biografen ein neuer Auftrag, ein begonnenes Manuskript. Ein Mann, erst 35 Jahre alt, wird nicht fertig mit seinen Lebenserinnerungen, er bittet um Hilfe beim Verfassen. Sein erster Satz lautet: „Drei Dinge muss ein Mann in seinem Leben tun: einen Baum pflanzen, einen Sohn zeugen, ein Buch schreiben." Das klingt wie ein Satz aus den Memoiren von Dieter Bohlen. Das klingt nach einer Menge Arbeit für die Menschenerzähler in Polling.

Fiona Ehlers