Nürnberger Zeitung, 06.04.02  
Werkstatt für jedermanns Erinnerungen -
In Polling können Menschen ihre Lebensgeschichte in Buchform bringen lassen
 
    POLLING (NZ). - Der Opa hatte öfter mal was vom Krieg erzählt, die Oma von der Währungsreform und der Onkel vom Wirtschaftswunder, aber was sie genau erlebten, nehmen die meisten Angehörigen der Kriegs-Generation mit ins Grab. Dem massenhaften Verlust des Volks-Gedächtnisses wollen jetzt die Literaturwissenschaftlerinnen Ellen Schönfelder und Irina Ploch-Harabacz zusammen mit dem Soziologen Louis Lau entgegen wirken. Menschen, die ihre Lebensgeschichte für die Nachwelt erhalten wollen; können die Dienste der "Memoirenwerkstatt" im oberbayerischen Polling in Anspruch nehmen.  
 

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Viele ältere Menschen spielen mit dem Gedanken, ihre Geschichte aufzuschreiben, aber die wenigsten setzen den Vorsatz in die Tat um. Leichter soll es ihnen von der "Memoirenwerkstatt" gemacht werden, Kinder, Enkel und Urenkel, aber vielleicht auch Vereinsbrüder, Kollegen oder Geschäftsfreunde an einem langen und vielseitigen Leben teil haben zu lassen. Der Auftraggeber darf allerdings nicht ganz arm sein: Je nach Umfang der Lebensgeschichte werden 10 000 bis 15 000 Euro in Rechnung gestellt. Am Schluss steht ein gebundenes, professionell mit Fotos und Faksimiles und auf Wunsch auch mit Goldschnitt gestaltetes Buch in der gewünschten Auflage.
Die bisher betreuten Kunden seien "sehr zufrieden" gewesen, sagt Ellen Schönfelder. Schon bei den ersten Kunden sei überraschend eine psychotherapeutische Dimension der Geschäftsidee deutlich geworden, berichtet Ploch-Harabacz. Die konzentrierte Erinnerung sei für sie der Höhepunkt ihres Lebens gewesen, bekannte eine Kundin.
In drei bis fünf Tagen sprechen die Auftraggeber ihre Erinnerungen erst einmal aufs Band. Dabei werden so viele längst vergessen geglaubte Erinnerungen wieder wach, dass sie es selbst kaum fassen können. Dann wird der Stoff chronologisch oder zeitlich geordnet, durch Nachfragen ergänzt, mit einem roten Faden versehen und in eine literarische Form gebracht. Zu stark Hand anlegen wolle Memoiren-Werker aber nicht. "Die persönliche Note und der persönliche Erzählstil sollen erhalten bleiben," so Ellen Schönfelder. Dem Kunden ist es natürlich überlassen, ob er bestimmte Abschnitte seiner Vita der Nachwelt verschweigen möchte. Davon gibt es in jeder Biografie wahrscheinlich einige. Zuerst sei der Betreffende recht offen, dann schrecke er ein wenig zurück, letztlich aber entscheide er sich meistens für eine wahrheitsgemäße Version, erzählen die Biografen, die eine berufliche Vorgeschichte als Dozenten, Lehrer und Lektoren hinter sich haben. "Die Enkel wüssten gerne ihre Jugendsünden", werden die Kunden sanft zur Offenheit gedrängt.
"Wer wissen will, was Geschichte ist..." Memoiren am F1ießband kann die Werkstatt bei diesem aufwendigen Verfahren nicht produzieren. Zwölf Bücher pro Jahr sind das bescheidene Zwischenziel der Firmengründer. So viel ältere Menschen, die ihr Leben für sich und andere rekapitulieren wollen, sollte es eigentlich geben, glauben die Biografen, zumal sie Aufträge aus dem gesamten deutschsprachigen Raum entgegen nehmen. Wer zum Erzählen nicht nach Oberbayern reisen will, dem wird die Lebensgeschichte auch zu Hause abgenommen. Prominente werden als Kunden keineswegs abgewiesen, am liebs ten schreibe man aber Lebensge schichten von Menschen, die nicht ständig im Rampenlicht stehen, heißt es. Denn darin sind sich die Memoiren- Hersteller mit dem Historiker Sebastian Haffner einig: "Wer wissen will, was Geschichte ist, erfährt es in den viel zu raren Biografien der unbekannten Privatleute."
Ralf Müller