| Süddeutschen Zeitung, 6./7.12.2003, Seite 3 | ||||
| Tauchgang in die Tiefen des
Lebens Prominenten geht es um das Ich, Unbekannten geht es um die Erinnerung: Die Arbeit der Memoirenschreiber aus Polling |
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Sie
fragen nicht nach Sensationen, sie wollen die ganze Geschichte. Einblick
in die Werkstatt von Biografen, die Biografien für jedermann schreiben Tittmoning, im Dezember. Da sitzt der alte Mann,
in der Diele seines Hauses, er räuspert sich ein bisschen, wie
man sich räuspert vor einem längeren Vortrag, und er reibt
die Hände ineinander, obwohl es nicht kühl ist. Es ist ein
kleines Zeichen seiner Vorfreude, das Reiben, „also", sagt
er, „fangen wir gleich an", und bevor man etwas sagen kann,
redet er los und redet und redet. |
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| Hans Rosenberger redet sehr gern, darüber, wie er eigentlich Bäcker hätte werden sollen, wie er dann doch Maschinenbauer wurde, wie der Krieg kam und, vor allem, wie er wieder verschwand. Da saß er mit zerschundenen Füßen in einem Feldlager und hörte Radio, „den Sender Görlitz“. Solche Details hat er im Kopf, Namen und Muster und Zahlen, die sich einem einprägen, obwohl sie, für sich genommen, eigentlich nichts bedeuten, aber im Zusammenhang sind sie alles, und alles ist: das Leben. Im Sender Görlitz ist damals jedenfalls eine Nachricht gelaufen, die hat er gleich jedem entgegen gebrüllt: „An Hitler hat der Deifi gholt." Hans Rosenberger erzählt. Ein Handwerker kommt durch die halb geöffnete Tür und fragt, was jetzt mit dem Fenster werden soll, aber Rosenberger hört ihn nicht. Er ist schon weiter in seiner Geschichte, Hitler !st tot, aber Fipsi lebt, dieser Mischlingshund, den die Familie später hatte und der bei der Taufe seines Sohnes die Schokoladentorte gefressen hat, richtig sauber aus der Schüssel rausgeleckt, aber nur eine Hälfte. Die andere Hälfte haben sie dann trotzdem aufgetischt. So machte man das damals. Bombe im Flugzeug Der Handwerker kratzt sich am Kopf und wirft die Tür von außen zu. Da ruft Hans Rosenberger: „Bumm hat`s gmacht!", aber das hat mit der Tür nichts zu tun, sondern mit der Geschichte, wie sie einmal eine Bombe im Flugzeug überlebt haben, er und seine Frau, jedenfalls dachten sie erst, es sei eine Bombe im Flugzeug, „das Ist interessant, das müssen Sie hören!" Und als man sagt, das wisse man alles schon, man habe schließlich sein Buch gelesen, wegen dieses Buches sei man ja hier, ruft er: „Deshalb soll man keine Biografie schreiben. Weil, dann kennen alle schon alles." Naja, alle kennen es nicht. Hans Rosenbergers Biografie, 240 Seiten, gebunden, mit blauem Lesebändchen, ist erschienen in einer Auflage von 35 Exemplaren. Die Biografie heißt Hab' viel Glück gehabt im Leben, und vorn ist er drauf, Hans Rosenberger, im groß karierten Hemd, wie er sich mit der Hand über den Kopf fährt. Das Buch Ist das Geschenk seiner Kinder, zu seinem 80. Geburtstag. Ein Geschenk für ihn, den Vater, für sie, die Kinder, für die Enkel und für alle, die noch hineingeboren werden in die Familie Rosenberger, wenn es ihn, den Patriarchen, mal nicht mehr gibt. Dann wird das Buch erzählen, was Rosenberger hundertmal zu Hause am Kamin erzählt hat und einmal seinem Biografen, dem Soziologen Louis Lau. Lau leitet, gemeinsam mit den Literaturwissenschaftlerinnen
Ellen Schönfelder und Irina Ploch Harabacz, den Verlag „Mein
Leben", in dem sie bisher fünfzehn Memoiren veröffentlicht
haben, vom Bauunternehmer Sch. aus der Pfalz, von Elisabeth von G.,
Malerin und Mutter, von lauter Menschen, die so unbekannt sind wie Hans
Rosenberger. Die Bücher werden weit draußen geschrieben,
in Polling, nicht weit vom Starnberger See. Ein Klosterort, Thomas Mann
ist hier gewesen und hat Polling im Doktor Faustus einen Platz freigeräumt,
da heißt es Pfeifering. In einem Landhaus führen die Biografen
die Interviews mit ihren B!ografierten, das Haus hat viele helle Zimmer;
Schutzräume gegen die Welt da draußen, mit Zeit abgepolstert.
Vier Tage, so lange dauert es, bis ein achtzigjähriges Leben erzählt
ist. Vier Tage sind eigentlich nichts, aber andererseits sind vier Tage
eine Ewigkeit, sagt Louis Lau. „Es gibt in unserer heutigen Gesellschaft
sonst keinen Raum, wo so was passiert; ein Gespräch über vier
Tage ist nicht vorgesehen. |
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| Man soll da übrigens nichts
miteinander verwechseln. Lau sagt, Ihre Memoiren haben mit den Lebensbeichten
der Promis nichts gemein. Die Biografien in den Buchhandlungen sind für
alle gedacht und müssen sich verkaufen, deswegen muss Dieter Bohlen
jemanden so sehr beleidigen, dass ein Richter ihm befiehlt, schwarze Balken
in seine Bücher malen zu lassen. Schwarze Balken machen Beleidigungen
unkenntlich, andererseits adeln sie sie auch zu Geheimnissen, dann verkauft
sich das Buch vielleicht noch besser und die Erstauflage, ohne schwarze
Balken, wird im Internet als wertvolle Rarität gehandelt. Oder, die
Promis gehen in die Sendung von Kerner und Beckmann, wo sie natürlich
nicht vier Tage Zeit haben, sondern nur zwanzig Minuten, gerade genug,
um dem Publikum jammernd, schwärmend, lügend, lärmend ihre
Botschaft zuzuflüstern: Kauft mein Buch! Die Memoiren aus Polling müssen sich nicht am Markt behaupten. Es gibt sie nicht zu kaufen. Die Auflage, 10 bis 100 Stück, ist für Familie, Freunde, Bekannte. Sie haben vielleicht dreißig bis fünfzig Leser, aber das sind die konzentriertesten Leser, die man sich vorstellen kann. Weil es In den Büchern um die Geschichte ihrer Familie geht und damit auch um sie selbst. In den Biografien der Prominenten geht es ums Ich, das merkt man, wenn man die ersten Sätze liest, die Vorworte und Einstiege, die den Pulsschlag so eines Buches vorgeben. Dieter Bohlen: „Jeden Sommer bin ich ja für ein paar Wochen auf meinem SchnuckelSchmuse Eiland Mallorca.' Nadja Abd EI Farrag: „Schon als Kind war ich renitent." Boris Becker: „Auf dem Tennisplatz habe ich geweint, geklagt, geblutet, gelitten, gehustet.' Hans Rosenbergers Biografie, geschrieben von Louis Lau, fängt so an: „Es ist Anfang Juni 1937. Im Personenzug von München nach Mühldorf fährt ein junger Mann." Der junge Mann ist Hans Rosenberger selbst, es geht um ihn, aber er sagt nicht ich. In diesen Biografien geht es um Kriegsgeschichten, Nachkriegserlebnisse, jemand liegt am Boden und steht auf, jemand müsste mutlos sein, aber rappelt sich hoch. Ich hat von den Kunden der drei Biografen keiner gern gesagt. „Das große Ich ist ja ein Kennzeichen der neuen Generationen', sagt Irina Ploch Harabacz, „unsere Geschichten spielen im Nazideutschland oder noch davor, als das Wort ich keine große Bedeutung hatte, als die Masse die Macht war." Es kann auch weh tun Von den vier Tagen, die sie mit den Leuten reden, in denen diese ihre Geschichte einem Tonband anvertrauen, das dann transkribiert wird und schließlich zu einem Buch verdichtet, von diesen vier Tagen gehen manchmal ein, zwei Tage allein drauf für die Suche nach der 1. Person Singular. In der Regel sind es die Kinder, die ihren Eltern oder Großeltern sagen: Du hast doch dein Leben gelebt, erzähl doch, wie du es gesehen hast. Dann erzählen sie. Es wird dabei viel gelacht, sagt Lau. Es wird auch geweint. Manchmal wird geschwiegen. Irina Ploch Harabacz hat in der Erwachsenenbildung gearbeitet, Lau hat Coachings gemacht. Mit Hans Rosenberger war es ziemlich einfach, sagt Louis Lau. „Wenn sie mit ihm reden, werden Sie sehen: Der reiht Anekdote an Anekdote, mit der Absicht, den Zuhörer zu unterhalten." Lau hat noch immer Kontakt zu Rosenberger, bei den anderen reißt sobald das Buch fertig ist dieses Band, das sich gesponnen hat in den vier Tagen, in denen nur geredet wurde. Wo Nähe ist, wächst auch Verwundbarkeit dem gegenüber, der jetzt alles oder so viel von einem weiß: Den Zustand kann nicht jeder ertragen. Hans Rosenberger sagt, für ihn ist das angenehm gewesen, „das Büchermachen", er hat eigentlich auch alles so erzählt, wie es passiert ist. „Nichts als die Wahrheit' heißt die Biografie von Dieter Bohlen, den kennt er nicht. Aber Nichts als die Wahrheit das hätten sie als Titel auch auf sein Buch drucken können. Wenn er erzählt, klingt alles lustig. Die Kinderstreiche, die sie den Lehrern gespielt haben. Das andere Leben? Darüber spricht er nicht. „Steht ja drin, in dem Buch", sagt Hans Rosenberger, da liegt es auf dem Tisch, das Buch, wie eine Schatzkiste sieht es aus, Geheimnisse bergend. Die Geschichte von seinem Vater, der einmal, an Heiligabend, aufgestanden ist und raus, ins Gasthaus, noch eine Halbe Bier trinken. Einfach weg, direkt vor der Bescherung, alle saßen schon zusammen daheim, und dann geht der Vater weg. Und er, ein kleiner Junge, hockt da. Wie er sich gefühlt hat? „Naja", sagt er. „Ich weiß die Gefühle nicht mehr alle", steht in seinem Buch. Hans Rosenberger berichtet in seiner Biografie, Seite 136, über das Verhältnis zu seinem Vater; über das Verletztsein und die Wut, über Moral und Anstand. Manchmal verstecken sich große Fragen in kleinen Geschichten. Er schreibt: „Tue ich ihm etwas Schlechtes an, wenn ich erzähle, dass er am Heiligen Abend noch ins Wirtshaus ging? Wenn ich es mir überlege, spreche ich gar nicht von ihm. Ich sage bloß, dass sein Verhalten mir weh getan hat. Damals. Und dass kein Platz dafür da war zu sagen, dass ich von meinem Vater enttäuscht war." In den Biografien der Prominenten ist alles kalkuliert, jedes nach außen gestülpte Gefühl. Bei einem Mann aus Rosenbergers Generation kommt einem so viel eingestandene Ratlosigkeit und Traurigkeit beinahe Irritierend vor. Er sperrt sich nicht in sich ein, jedenfalls nicht in dem Buch. Seiner Mutter ging es schlecht, da war er dreizehn. Eines Tages, es war ein Mittwoch, saß er noch in der Schule, da rannte sein Bruder, der Sepp, die Straße zur Schule hoch, und alle Mädchen in der Klasse sahen ihn schon von weitem und tuschelten gleich: „Da kommt der Rosenberger Sepp und weint." Die Mutter war gestorben, mit 39. Der Vater, bei der Beerdigung, hat immer einen Satz gemurmelt: Wär' besser, wenn ich gestorben wär'. Hans Rosenberger schreibt: „Wenn ich daran denke, kommen mir immer noch die Tränen." Louis Lau sagt, dass das stimmt. Und dass ihm, als Rosenberger ihm die Geschichte erzählt hat, auch die Tränen gekommen sind, jedenfalls ein bisschen. Manchmal hören sie in ihrer Memoirenwerkstatt Dinge, die hat der, den sie befragen, nie vorher erzählt. Manchmal soll das dann aber lieber nicht im Buch stehen. Der Text wird, bevor er zum Buch wird, mit allen abgesprochen. Mit den Kindern oder Enkeln, die das Buch bezahlen, 55 Euro pro Seite; mit den Porträtierten selbst. Manchmal sagen dann die Kinder: So, wie das da steht, so spricht doch der Vater gar nicht. Dann soll geglättet werden. Manchmal will jemand, dass sein Leben klingt wie von Goethe gedichtet oder von Bohlen hingerotzt. Die Biografen müssen alles in die Waage bringen, als Dienstleister, die nur der Wahrheit verpflichtet sind, die die Wahrheit ihrer Kunden ist. Im Erinnerungszimmer in Polling hängt ein Spruch. Jede Familie hat ihre Leichen im Keller. 14 000 Euro kostet ein Buch von gut 200 Seiten, inklusive der Herstellungskosten. Drei Monate arbeiten sie an einer Biografie: Die Frauen schreiben die Frauen, Louis Lau schreibt die Männer. Wenn sie etwas flüssiger sind, wollen sie vielleicht auch mal das Leben eines Menschen sammeln, der nichts zahlen kann. Lau hat von einem gehört, der in der DDR groß geworden ist und dessen Leben nichts war als die Abfolge von Folter und Verrat. Oder, sie würden ein Exemplar öffentlichen Bibliotheken zur Verfügung stellen, so könnte über die Jahre aus Lebenslinien ein Porträt geknüpft werden: das Porträt einer Generation, die es bald nicht mehr geben wird. So ist der Deal Aber das wollen die Porträtierten nicht. So ist der Deal: Alle Bücher bleiben in der Familie. Rosenberger, sagt Louis Lau, „ist der bekannteste Mann in Tittmoning, wenn man mit dem durch die Stadt geht, sagen die Leute sowieso schon: Guten Tag, Herr Rosenberger, wie geht es, Herr Rosenberger. Der will kein gläserner Mensch sein, weil jeder seine Biografie gelesen hat." Hans Rosenberger schnappt sich einen Krückstock, für einen kleinen Spaziergang durch Tittrnoning, gelegen im nördlichen Rupertiwinkel, Südostbayern, so nah an der Grenze zu Österreich, dass alle Taxifahrer Radio Salzburg eingestellt haben. Er will das mit dem Flugzeug doch noch schnell erzählen. Also, sie waren auf Weltreise, er und seine Katharina, verheiratet seit 52 Jahren, flogen von Bangkok heim nach Frankfurt, da knallt es links von ihm, und er denkt, jetzt geht's dahin. Und seine Frau sagt: Jetzt geht's dahin. Da knallt es nochmal, und er sagt: Aber wir fliegen doch noch, wir fliegen. Dabei war ihm speiübel. Rosenberger ächzt ein bisschen, sein Knie Ist gerade operiert worden, er braucht diesen Stock jetzt, und manchmal denkt er: Jetzt geht's dann aber wirklich dahin. Er tastet sich nach draußen, wo ihn jeder kennt, den ehemaligen Stadtrat, so eine Art Bürgermeister ehrenhalber. Hans Rosenberger, gerade 81 geworden, gelernter Maschinenbaumeister, Träger des Bundesverdienstkreuzes, mit seiner Firma für Hochfrequenztechnik schon früh hinausgewachsen aus Tittmoning, in die Weit hinaus oder wenigstens bis nach Fridolfing. 400 Mitarbeiter, die drei Söhne haben die Firma inzwischen übernommen, steht alles im Buch, und Rosenberger läuft voraus zum Stadtplatz, zeigt lauter alte Gebäude, die saniert worden sind in Tittmoning, dafür hat er viel Geld gegeben. Und drüben, ruft er, am Stadtplatz, da ist das Khuenburg Haus, war völlig runtergekommen, aber dann haben sie es aufgemöbelt, und jetzt hat Beate, seine Tochter, einen Laden in dem Haus aufgemacht, Küche, Tisch, Textiles Wohnen. Guten Tag, Herr Rosenberger. Wie geht es
Ihnen, Herr Rosenberger. Ist wunderschön geworden, das Haus, Herr
Rosenberger, sagen die Leute vom Stadtplatz, und Hans Rosenberger sagt:
Jaja, war sehr anstrengend, die Sanierung, da könnte man ein Buch
drüber schreiben, und dann zwinkert er und weiß als einziger,
wie das gemeint ist mit dem Buch. |
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