SENIOREN Eine Beilage der Süddeutschen Zeitung Nr. 61/13.März 2002  
Schatz der Erinnerungen - Mut zur Bilanz
Dem eigenen Leben auf der Spur
 
    Das Interesse an Biographien hat in den letzten zehn Jahren sprunghaft zugenommen. Die Sozialwissenschaft bringt diese Tatsache mit dem Prozess der Individualisierung unserer Gesellschaft in Verbindung, mit der Frage nach der eigenen Identität. Das heißt, nicht nur Promis, also mehr oder minder bekannte Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, sondern auch "ganz normale" Menschen, Leute wie du und ich, haben zunehmend das Bedürfnis, sich über das eigene Leben Rechenschaft zu geben.  
 

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Dies gilt vor allem für die ältere Generation, Zeugen des an Um- und Aufbrüchen kaum zu überbietenden vorigen Jahrhunderts, die sich in ihr wechselvolles Leben noch einmal einblenden wollen: sei es auf Drängen ihrer eher auf der sicheren Seite herangewachsenen Nachkommen, sei es, um für sich selbst mehr Klarheit zu gewinnen über das Soll und Haben eines langen, ereignisreichen Daseins.

Der Gründe für diesen Wunsch., zu fortgeschrittener Stunde ein Resümee zu ziehen, wichtigen Weggenossen auch auf diese Weise noch einmal zu begegnen, gibt es jedenfalls viele, weiß Irina Ploch-Harabacz, Literaturwissenschaftlerin und Pressesprecherin der im oberbayerischen Städtchen Polling ansässigen "Mein Leben GbR, Werkstatt und Verlag für Memoiren". Doch sie weiß auch, dass es nicht so einfach ist, die eigene Geschichte mit all ihren Haken und Ösen, Krisen, Enttäuschungen und erfolgreichen Zieldurchgängen der Nachwelt zu überliefern. Immer vorausgesetzt natürlich, dass es sich dabei nicht um eine schlichte Aneinanderreihung chronologischer Daten handeln soll, sondern um ein gleichermaßen spannendes wie authentisches Berichtswerk, zu dem auch andere gerne greifen: Verdrängtes Geschehen. Genau aus diesen Gründen nehmen auch schriftgewandte Leute, die ihre Story oft längst im Hinterkopf gespeichert, sie nicht selten auch schon ansatzweise zu Papier gebracht haben, die Unterstützung professioneller Koautoren in Anspruch. Denn zu erzählen, sich einfach einmal freizusprechen, fällt allemal leichter, als selbst zur Feder greifen. Immerhin kommen hier auch oft tief greifende schmerzliche Erinnerungen hoch, verdrängte Geschehnisse, die behutsam aufgefangen werden müssen. Aufmerksames, geduldiges Zuhören ist mithin das oberste Gebot für die Biographen, wenn es darum geht, den Partner über mehrere Tage hinweg aus der Fülle seiner Erinnerungen berichten zu lassen.
Die eigentliche Arbeit der Lektoren beginnt freilich erst daheim am Schreibtisch. Denn jetzt kommt es darauf an, aus dem Basismaterial, das heißt aus den auf Band aufgenommenen, zunächst in voller Länge in den PC eingegebenen Gesprächen, im engen Schulterschluss mit dem Auftraggeber ein eindrucksvolles Buch zu gestalten. Diese Tätigkeit bedarf in der Regel eines mehrwöchigen Zeitaufwandes. Sie ist das Gütesiegel der Autoren. Denn hier, betont Irina Ploch-Harabacz, geht es um keine Konfektionsware, sondern um die Kunst; die unverwechselbare Persönlichkeit des Erzählers transparent zu machen, und dies in einer Sprache, in der sich der oder die Betreffende wiedererkennt. Dazu bedürfe es einer fundierten psychologischen Kompetenz, die sich mit sprachlichen Fähigkeiten vereine. Bibliophile Kostbarkeiten.
Dass diese Maßarbeit ihren Preis hat, liegt auf der Hand. Immerhin müssen pro Druckseite überschlägig, je nach, Arbeitsaufwand, etwa 50 Euro veranschlagt werden: Dies unabhängig von den Herstellungskosten des im Regelfall in Mini-Auflagen von zehn bis 25 Exemplaren ausgedruckten Buches. Ob es dann als kleine bibliophile Kostbarkeit in Leder gebunden oder in einfacherer Ausstattung in den Bücherschränken der Empfänger seinen Platz findet, bestimmt allein der Kunde. Wer sich diesen Aufwand nicht leisten kann oder möchte, könnte natürlich auch selbst zum Tonband und Mikrofon greifen, um dann dieses akustische Dokument der eigenen Lebensgeschichte über andere Tonträger vervielfältigen zu lassen: Außerdem leisten auch Schreibseminare, so genannte Schnupperkurse, die von Medienexperten, teilweise auch von den Memoiren-Unternehmen selbst, angeboten werden, interessierten Senioren Hilfe zur Selbsthilfe. Hier werden verschiedene Modelle und Techniken für kreatives Schreiben vorgestellt und in der Gruppe experimentell begleitet. Das entsprechende Produkt, so es denn das Licht der Welt erblickt, könnte dann hektografiert, in einfachen Mäppchen gebündelt oder auch Verlagen mit Kleinstauflagen zum Druck übergeben werden. Gerda Berger