Weilheimer Tagblatt, 05./06.01.2002  

In Leder gebundene Erinnerungen:
Werkstatt für Memoiren in Polling

 
    Polling (well) - "Die Menschen legen heute mehr Wert auf ihr Leben, sie nehmen sich wichtig", das sei der Grund für die immer stärkere Nachfrage nach Lebensgeschichten. Memoiren sind kein Standes- oder Status-Symbol mehr. "Es gibt so viele Menschen, die spannend zu erzählen haben, das man sich oft wundert, wie bunt und reich das Leben Vieler ist", so Dr. Irina Ploch-Harabacz. Sie gehört zum Team der "Memoirenwerkstatt", die Geschichten und Geschichte von Menschen in Buchform bringt.  
 

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  In Polling haben der Soziologe Louis Lau und die Literaturwissenschaftlerinnen Ellen Schönfelder und Irina Ploch-Harabacz die "Mein Leben GbR" gegründet: Sie hören sich die Geschichten an, die das Leben schrieb, übertragen sie von Tonbändern in Text, bringen alles in lesbare Form. "Das Zuhören beschert uns tiefe Begegnungen mit den Menschen, und viele empfinden das Erzählen-dürfen wie eine erfüllende Erfahrung, die ihnen gut tut", sagt Ploch-Harabacz.
Die drei bilden ein Team, das Kunden in ganz Deutschland bedient. Alle Texte werden gemeinsam erarbeitet. Was der eine nicht versteht, könnten oft die anderen erklären, und ob ein Text gelingt, hänge sehr davon ab, dass man hinter den Worten auf dem Tonband den Erzähler als Menschen verstanden habe, sagt Ellen Schönfelder. Wegen dieser Gemeinschaftsarbeit an jedem einzelnen Auftrag firmiert man auch als Autorenteam unter dem Namen "Memoirenwerkstatt". Am Ende steht nicht die schriftstellerische Leistung der Routiniers, die als Drehbuchautoren, Lehrer, Lektoren und Dozenten gearbeitet haben, sondern ein Buch, das wie sein Erzähler ist. Drei bis fünf Tage widmen sich die Interviewer ihren Klienten. Nach der Diskussion im Team bekommt der Kunde die erste Fassung, die er korrigieren kann. Dann werden Bilder, Briefe als Faksimile und Grafiken in den Text eingebaut, die Ausstattung besprochen und das Buch in die Produktion gegeben.
"An einer Biografie, die meist zwischen 120 und 150 Seiten hat, arbeiten wir etwa 300 Stunden", erklärt Louis Lau. Deshalb schlägt ein solches Werk mit rund 10 000 Mark zu Buche. Es gibt immer mehr Menschen, die sich das leisten können und in ihren gedruckten Erinnerungen eine Möglichkeit sehen, im Gedächtnis ihrer Mitmenschen zu bleiben, Bilanz zu ziehen oder sich von bedrückenden Ereignissen zu befreien. Deshalb haben Lau, Schönfelder und Ploch-Harabacz in ihrem Haus voller Bücher und Rechnern mit Textverarbeitungsprogrammen einige Aufträge in Arbeit: "Wir denken, dass Memoiren so etwas sein werden wie es früher das Auto war: Etwas, das man vorzeigen kann, weil dahinter eine Lebensleistung steht." Thomas Wellens