Welt am Sonntag, 19. Januar 2003  

Was vom Leben übrig bleibt ...
...sind oft nur blasse Erinnerungen.
Wer mehr will, lässt sich von einem Münchner Autorenteam seine Biografie schreiben

 
    Nichts ist spannender als das Leben: Zufälle und Irrungen, Abstürze und Peinlichkeiten, glückliche und schmerzvolle Momente. Das Leben ist ein Hit, sogar als Raubkopie, wie das Beispiel Bohlen zeigt. Eine Viertelmillion Leser interessierten sich bis jetzt für die Selbstbespiegelung des Popstars. Nicht eingerechnet diejenigen, die sich "Nichts als die Wahrheit" aus dem Internet heruntergeladen haben. Und der Rummel nimmt kein Ende.  
 

Download des Artikels

Zurück zur Auswahlseite

 

Szenenwechsel. Ein Haus in Polling. Die Stille des Voralpenlandes. Bücher. Von den Titeln, die hier stehen, schauen - Allerweltsgesichter. Eine verträumte, junge Frau, weichgezeichnet, mit 20er-Jahre-Aura. Ein hemdsärmeliger Achtziger mit zerfurchter Stirn, der sich versonnen über den Hinterkopf streicht. Gebunden in feines Rindsleder oder festes Leinen, lassen einen diese Bücher ratlos zurück: Außer denen, die ihnen irgendwann begegnet sind, weiß niemand etwas über den trickreichen Unternehmer aus Tittmoning, von dem man im schönsten Altbairisch sagen könnte, dass er "ein Hund" gewesen sei. Oder über die feine, alte Dame, die in Münchner Salons verkehrte und Geschichten erzählt aus der Welt des Adels, mit einem Hauch "Decamerone".

"Schade", sagt Irina Ploch-Harabacz: Sie hat nur eine Kundin, die ihre Erinnerungen auch veröffentlichen will. Zusammen mit ihrer ehemaligen Studienkollegin Ellen Schönfelder und dem Soziologen Louis Lau hat sich die Literaturwissenschaftlerin ein neues Betätigungsfeld erschlossen. Sie schreiben die Biografien Normalsterblicher. 50 Euro pro Seite, Mindestumfang: 200 Seiten, Diskretion Ehrensache. Oft sind es die Kinder, meist die Betreffenden selbst, die den Auftrag erteilen. Dabei geht es nicht um Auflage und auch nicht ums Geld: "Die Leute wollen ihr Leben erzählen und weitergeben - an Verwandte, Freunde, Bekannte."

Das Haus in Polling umfängt Besucher mit seiner warmen Atmosphäre - neun Zimmer, alles sehr verwinkelt, viel Platz und Gastgeber, die versuchen, die Poesie ihrer Gedankenwelt in den Alltag hinüberzuretten. Louis Lau etwa "hätte gern im 7. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung in Griechenland gelebt, weil ich dann Vorsokratiker wäre". Ellen Schönfelder schätzt "die Werke der schönen Gräfin" und hat sich ganz dem Lebensstil der Franziska zu Reventlow verschrieben. Zum Tee gibt es selbst gebackenen Stollen - auch ein Ausdruck dessen, was Irina Ploch-Harabacz "wertschätzende Aufmerksamkeit" nennt.

Ein Biograf muss zuhören können, sagt die Autorin. "Das ist das Wichtigste." Also üben sie sich in Polling in Demut. Nicht, dass sie keine Vorbilder hätten, Peter Härtling zum Beispiel, aber literarische Techniken sind in ihrem Metier nicht gefragt. Einmal hat sie in einem letzten Kapitel die Erzählperspektive gewechselt, so Ploch-Harabacz, um einen Blick von außen auf die Protagonistin zu werfen, "eine Frau, die ihr Leben lang Gefühle von sich weggehalten hat". Das Kapitel hat man ihr wieder gestrichen.

Die Kunden sind selbstbewusst, aber sie tragen auch unausgesprochene Konflikte mit sich herum. "Die haben den Krieg überstanden, haben sich aus dem Nichts etwas aufgebaut, oft sind es Unternehmer." 90 Prozent dieser Elterngeneration hatte nie die Zeit, das Erlebte auch zu verarbeiten: "Sie sind auf der Suche nach dem roten Faden, der sich durch ihr Leben zieht. Sie wollen, dass die einzelnen Ereignisse auch einen Sinn ergeben." Auf diese Seite ihres Jobs, die psychologische, wenn nicht gar therapeutische Komponente, hat sich Irina Ploch-Harabacz in analytischen Selbsterfahrungsgruppen vorbereitet, glücklicherweise, wie sie sagt. Denn im Verlauf der drei bis fünf Tage, die die Biografen mit ihren Kunden verbringen, ist es oft so "als ob ein Vulkan aufbricht".

E.-M. Class