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Szenenwechsel. Ein Haus in Polling. Die
Stille des Voralpenlandes. Bücher. Von den Titeln, die hier stehen,
schauen - Allerweltsgesichter. Eine verträumte, junge Frau, weichgezeichnet,
mit 20er-Jahre-Aura. Ein hemdsärmeliger Achtziger mit zerfurchter Stirn,
der sich versonnen über den Hinterkopf streicht. Gebunden in feines
Rindsleder oder festes Leinen, lassen einen diese Bücher ratlos zurück:
Außer denen, die ihnen irgendwann begegnet sind, weiß niemand etwas
über den trickreichen Unternehmer aus Tittmoning, von dem man im schönsten
Altbairisch sagen könnte, dass er "ein Hund" gewesen sei. Oder über
die feine, alte Dame, die in Münchner Salons verkehrte und Geschichten
erzählt aus der Welt des Adels, mit einem Hauch "Decamerone".
"Schade", sagt Irina Ploch-Harabacz: Sie hat nur eine Kundin, die ihre
Erinnerungen auch veröffentlichen will. Zusammen mit ihrer ehemaligen
Studienkollegin Ellen Schönfelder und dem Soziologen Louis Lau hat sich
die Literaturwissenschaftlerin ein neues Betätigungsfeld erschlossen.
Sie schreiben die Biografien Normalsterblicher. 50 Euro pro Seite, Mindestumfang:
200 Seiten, Diskretion Ehrensache. Oft sind es die Kinder, meist die
Betreffenden selbst, die den Auftrag erteilen. Dabei geht es nicht um
Auflage und auch nicht ums Geld: "Die Leute wollen ihr Leben erzählen
und weitergeben - an Verwandte, Freunde, Bekannte."
Das Haus in Polling umfängt Besucher mit seiner warmen Atmosphäre -
neun Zimmer, alles sehr verwinkelt, viel Platz und Gastgeber, die versuchen,
die Poesie ihrer Gedankenwelt in den Alltag hinüberzuretten. Louis Lau
etwa "hätte gern im 7. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung in Griechenland
gelebt, weil ich dann Vorsokratiker wäre". Ellen Schönfelder schätzt
"die Werke der schönen Gräfin" und hat sich ganz dem Lebensstil der
Franziska zu Reventlow verschrieben. Zum Tee gibt es selbst gebackenen
Stollen - auch ein Ausdruck dessen, was Irina Ploch-Harabacz "wertschätzende
Aufmerksamkeit" nennt.
Ein Biograf muss zuhören können, sagt die Autorin. "Das ist das Wichtigste."
Also üben sie sich in Polling in Demut. Nicht, dass sie keine Vorbilder
hätten, Peter Härtling zum Beispiel, aber literarische Techniken sind
in ihrem Metier nicht gefragt. Einmal hat sie in einem letzten Kapitel
die Erzählperspektive gewechselt, so Ploch-Harabacz, um einen Blick
von außen auf die Protagonistin zu werfen, "eine Frau, die ihr Leben
lang Gefühle von sich weggehalten hat". Das Kapitel hat man ihr wieder
gestrichen.
Die Kunden sind selbstbewusst, aber sie tragen auch unausgesprochene
Konflikte mit sich herum. "Die haben den Krieg überstanden, haben sich
aus dem Nichts etwas aufgebaut, oft sind es Unternehmer." 90 Prozent
dieser Elterngeneration hatte nie die Zeit, das Erlebte auch zu verarbeiten:
"Sie sind auf der Suche nach dem roten Faden, der sich durch ihr Leben
zieht. Sie wollen, dass die einzelnen Ereignisse auch einen Sinn ergeben."
Auf diese Seite ihres Jobs, die psychologische, wenn nicht gar therapeutische
Komponente, hat sich Irina Ploch-Harabacz in analytischen Selbsterfahrungsgruppen
vorbereitet, glücklicherweise, wie sie sagt. Denn im Verlauf der drei
bis fünf Tage, die die Biografen mit ihren Kunden verbringen, ist es
oft so "als ob ein Vulkan aufbricht".
E.-M. Class
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