Weilheimer SZ, 3.12.2003  
Erzähler fremder Leben
Drei Pollinger Autoren schreiben Biografien – von Lisa Hammerl
 
   

Polling - In Buchform gebrachte Lebensberichte überschwemmen den deutschen Markt. Vor allem Prominente und Halbprominente treiben die Zahl an „strahlenden Selbstüberschätzungsbiograflen von Leuten, die stilistisch nicht auf der Höhe ihrer eigenen Wichtigkeit sind" (Martin Walser) nach oben. Offenbar geht eine große Faszination aus von der Vorstellung, das eigene Leben in Worte und Bilder zu fassen und ihm damit wenn nicht mehr Bedeutung, so doch ein Stück Ewigkeit zu verleihen.

 
 

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Für Menschen, die etwas weniger im Rampenlicht stehen und möglicherweise Essentielleres über ihr Leben zu berichten haben, gibt es am Dorfausgang von Polling einen „Raum für Erinnerungen", die Memoirenwerkstatt „Mein Leben". Der Kleinverlag für Biografien wurde vor zweieinhalb Jahren von dem Soziologen Louis Lau und den beiden Literaturwissenschaftlerinnen Ellen Schönfelder und Irina Ploch Harabacz gegründet. „Zu uns kommen Menschen", erzählt der 55 jährige Lau, „die jenseits von Eitelkeit und Exhibitionismus die eigene Geschichte für die nächsten Generationen festhalten wollen und dabei Unterstützung brauchen." „Häufig sind es nicht einmal die älteren Menschen selbst, die auf die Idee kommen, sondern ihre Kinder oder Enkel", berichtet er. Vor allem, wenn nicht mehr viel Zeit bleibt, wird ihnen klar, wie wenig sie eigentlich von einer Generation wissen, „die uns nicht unendlich zur Verfügung steht". Der Raum fürs Erzählen sei eben kleiner geworden, schildert die 52 jährige Helen Schönfelder. Nicht aber das Interesse der nachkommenden Generation. „Diese Lücke wollen wir schließen."

Noch vor kurzem waren die Pollinger Memoirenschreiber auf der Frankfurter Buchmesse gewesen: Der kleine Stand, vier Quadratmeter groß und nur 20 Meter vom Medienriesen Bertelsmann entfernt, hatte zahlreiche Besucher angelockt. Dabei setzen weder Titel noch Aufmachung der mittlerweile 13 Bücher im Verlagsprogramm auf Spektakuläres: Auf den Covern sind Allerweltsgesichter zu sehen, weichgezeichnete Jungmädchenfotografien aus den 20er Jahren, das zerfurchte Gesicht eines hemdsärmeligen Achtzigers. Die Titel der fein gearbeiteten Ausgaben in Leder oder Leinen glaubt man so oder ähnlich schon einmal gehört zu haben: „Bei mir kommt die Kraft aus dem Herzen", oder „Hab viel Glück gehabt in meinem Leben'. Doch die authentisch wirkenden Schilderungen über die großen Lebensthemen Kindheit und Jugend, Erfolg und Scheitern oder Aufbruch und Neuanfang wurden von vielen Menschen In die Hand genommen. Sie scheinen etwas Allgemeingültiges zu transportieren, das jeden interessiert.

Am Anfang jedes Buches steht ein Gespräch mit dem Kunden, das auf. Band aufgezeichnet wird. Drei Tage nimmt sich das Autorenteam dafür Zeit. „Ohne festes Abfragesystem, wir lassen die Leute einfach reden", betont Louis Lau, der seit fünf Jahren in Polling lebt. Nur aus dem eigenen Erzählfluss heraus kommen die zwischen 35 und 90 Jahre alten Kunden ihrer eigenen Geschichte näher. Auch manchen dunklen Flecken und Leerstellen. Dabei können die drei „Lebenserzähler" mit ihren Erfahrungen als Coach und Lehrerin viel auffangen. Danach folgt das eigentliche Schreiben, das bedeutet rund 300 Stunden Arbeit am Text, möglichst nah dran an den Gefühlen und Erinnerungen der zu Portraitierenden. Am Ende steht ein 150 bis 250 Seiten umfassendes, professionell mit Fotos und Faksimiles und auf Wunsch mit Goldschnitt gestaltetes Buch in einer Auflage von zehn bis 100 Stück. Für die rund 150 bis 250 Seiten dicken Werke müssen die Kunden zwischen 3000 und 15 000 Euro bezahlen. „Noch ist in unseren Auftragsbüchern Platz", betont Lau. Angesichts der anhaltenden Promibiografieschwemme kann man sich nur wünschen, dass viele Menschen den Weg nach Polling finden.