ddp-Nachrichtenagentur GmbH, 08.11.02  
Lebensgeschichte nach Maß - Memoirenwerkstatt hilft beim Schreiben Persönliche Biografie ist ein teurer Spaß  
    Berlin (ddp). Dieter Bohlen hat es getan, Boris Becker tut es und Jürgen, der von "Big Brother", hat es auch angedroht. Autobiografien schreiben liegt schwer im Trend, und es scheint dabei gar nicht mehr nötig, auf biblisch lange Lebensjahrzehnte zurück zu blicken. Zwischen zwei Buchdeckel gelangt heute so ziemlich jedes Detail aus dem bewegten Dasein von Stars und Sternchen.Was aber, wenn Omas 80. Geburtstag naht, und die familiäre Schar der Nachkommen fragt, was sich wohl damals in ihrer Jugendzeit so alles abgespielt hat?  
 

Download des Artikels

Zurück zur Auswahlseite

 

Da weiß Irina Ploch-Harabacz Rat. Die Literaturwissenschaftlerin mit Doktortitel und therapeutischer Ausbildung gehört zum Dreierteam von "Mein Leben", der Werkstatt für Memoiren in Polling bei München. Der Verlag wirbt mit einer Dienstleistung der besonderen Art. Er hilft beim Schreiben von "Biografien nach Maß" Und das geht so: Der erinnerungswillige Kunde wird von einem "Mein Leben"-Mitarbeiter besucht. "Vier bis fünf Tage bleibt man zusammen, dabei wird ein biografisches Interview aufgezeichnet", sagt Ploch-Harabacz. Nicht auf die Fakten allein, sondern auf die Geschichten komme es an, "denn die machen die Person, die Persönlichkeit aus", meint die literarische Helferin. 12 bis 15 Kassetten kommen bei einem solchen Gespräch zusammen. Dann wird der Text abgeschrieben, durchschnittlich an die 160 Seiten, und zwei bis drei Mal gelesen. "Danach haben wir meist schon einen Eindruck davon, wie der Stoff gestaltet werden kann", sagt Ploch-Harabacz. Zu ihrem Leidweisen wollen die meisten Leute ihr Leben einfach chronologisch aufgeschrieben sehen - sozusagen von der Geburt bis zum Tod. "Aber wir sind auch ein wenig Literaten, also versuchen wir, es auch mal spannender aufzubauen, vielleicht rund um ein prägendes Ereignis."

Die Person solle aber immer erkennbar bleiben. Das letzte Wort, versichert die Schreibhelferin, hat deshalb der Kunde. Er muss das Imprimatur (Druckerlaubnis) erteilen. Erst dann beginnt die technische Fertigung. Die Auflagen der Wunschbiografien bewegen sich bei 15 bis 30 Exemplaren, wenn es um den Verkauf im Familienkreis geht, und 60 bis 100, wenn ein Unternehmer aus seinem Leben berichtet und das Buch in der Firma und unter Geschäftsfreunden verbreitet wird. Der Kunde entscheidet auch, wie das persönliche Buch schließlich aussieht. Wer aber bereit ist, 48 Euro pro Buchseite an die "helfende Hand" (Ploch-Harabacz) zu zahlen, der legt für einen schönen Ledereinband meist gern noch etwas drauf. "Wir haben jetzt etwa zehn Biografien nach Maß fertiggestellt, und keiner der Kunden wollte eine Paperback-Ausgabe", sagt die Verlagsmitarbeiterin. So ist die eigene Biografie zumeist ein teurer Spaß. "Bei durchschnittlich 350 Seiten, auf denen auch Fotos und Briefe abgedruckt werden - da kommt schon ein Auto zusammen", rechnet Ploch-Harabacz vor.

Wer sich einmal zum Bericht über das eigene Leben entschlossen hat, bleibt dabei. "Abgesprungen ist noch nie jemand", sagt Ploch-Harabacz. Sie führt das auch auf die Wertschätzung zurück, die die Verlagsmitarbeiter ihren Klienten entgegen bringen. Erst wenn der Kunde entspannt erzählt, findet der Helfer den "roten Faden" durch das fremde Leben. "Wir werden aber nicht zu Komplizen der Leute, und manchmal müssen wir sie sogar vor sich selbst schützen", sagt die Beraterin. "So steht manches, was wir im vertraulichen Gespräch erfahren, dann nicht in den Büchern. Denken sie nur an Missbrauchserfahrungen in der eigenen Familie." Entblößungen, Verletzungen, üble Beschuldigungen, "soweit muss es nicht gehen", meint Ploch-Harabacz. "Mein Leben"-Kunden sind bisher ausschließlich ältere Menschen. Gerade hat Ploch-Harabacz die Arbeit an den Biografie einer 86-Jährigen abgeschlossen. "Da beeilt man sich mit dem Schreiben, sie soll das Ergebnis ja noch erleben", sagt die Verlagsfrau. Und eines steht für sie fest: "Solche Biografien haben Inhalt und Gewicht. Nicht wie bei Dieter Bohlen. Da geht es um ein aufgeblähtes Nichts." ddp/cok/nat
Cornelia Krüger